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Offene Beziehung? Na, dann viel Spaß!

  • Autorenbild: Joanna Ziemba
    Joanna Ziemba
  • vor 4 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit
Offene Beziehung. Systemische Paarberatung Joanna Ziemba


Sie liegen nebeneinander im Bett, das Licht ist aus, keiner schläft. Er ist vor einer Stunde nach Hause gekommen, roch nach fremdem Parfum, hat leise die Tür zugemacht. Sie war die ganze Zeit wach. Nachgefragt hat sie nicht – das war die Abmachung, vor Wochen getroffen, damals mutig und erwachsen. Jetzt merkt sie: Auf dieses Gefühl hat sie keine Abmachung vorbereitet. Nicht auf die Bilder im Kopf. Nicht auf die Stille, die lauter ist als jeder Streit.


Sie könnte Fragen stellen. Stattdessen tut sie so, als würde sie schlafen – nicht, weil es ihr egal ist, sondern weil sie nicht weiß, was sie eigentlich wissen will.


In genau solchen Momenten passiert etwas, das viele Paare überrascht: Aus zwei erwachsenen, reflektierten Menschen werden plötzlich zwei völlig andere Wesen. Verletzlich, unreguliert, manchmal kaum wiederzuerkennen. Das ist kein Ausrutscher und kein Charakterfehler. Es ist ein sehr menschliches Phänomen, das sich mit einem einfachen Konzept erklären lässt: dem der inneren Anteile.


Dieser Text ist für alle, die sich gerade in dieser Nacht wiederfinden. Und bevor irgendetwas anderes gesagt wird: Wer an diesem Punkt weiterfragt, statt abzubrechen, hat schon jede Menge dazugewonnen. Die Welt gehört den Mutigen – und wer bereit ist, an dieser Stelle zu wachsen, gehört definitiv dazu.


Wer meldet sich da eigentlich, wenn es schwierig wird?


Wenn ein Date später endet als geplant, eine Nachricht zu spät beantwortet wird, ein Name zu oft fällt – dann reagiert selten der erwachsene, reflektierte Mensch, mit dem man das Konzept einer offenen Beziehung eigentlich besprochen hat. Es meldet sich ein anderer Teil.

In der Ego-State-Arbeit sprechen wir von inneren Anteilen – psychischen Zuständen, die in bestimmten Situationen aktiviert werden, mit eigenen Gefühlen, Bildern und Verhaltensweisen. In der Öffnung einer Beziehung begegnen uns dabei besonders häufig:


Das verletzte innere Kind – meldet sich mit der Angst, nicht genug zu sein, nicht gewählt zu werden, verlassen zu werden. Diese Angst ist fast immer älter als die aktuelle Beziehung.


Der Beschützer – reagiert mit Kontrolle, Rückzug oder Wut, um weiteren Schmerz zu verhindern. Er checkt das Handy, fragt minutiös nach, zieht sich abrupt zurück.


Der Kritiker – flüstert Sätze wie „Du bist nicht genug", „Am Ende wirst du sowieso verlassen", „Es gibt keine bedingungslose Liebe". Auch diese Stimme ist selten neu – sie hat nur gerade eine sehr gute Gelegenheit bekommen, sich zu Wort zu melden.


Wenn ein Paar in der Öffnung eskaliert, sitzen sich in Wahrheit oft nicht zwei Erwachsene gegenüber, sondern zwei im Gefühl gefangene innere Kinder. Das zu wissen, verändert nicht sofort die Situation – aber es verändert die Frage, die ihr euch stellen könnt: Wer spricht hier gerade wirklich? Ich – oder eine alte Verletzung, die gerade Raum beansprucht?


Die Machtfrage, die selten gestellt wird


Die eigentliche Problematik einer Öffnung liegt selten in der Öffnung selbst. Sie liegt in der Frage, wer über sie bestimmt – wer den Zeitpunkt setzt, das Tempo, die Regeln, und wer nur reagiert. Oft bringt einer den Wunsch mit, während der andere zustimmt, aus Liebe, aber eben auch aus der Sorge, ein Nein könne die Beziehung ohnehin zerstören – nur langsamer.


Häufig zeigt sich dann etwas, mit dem beide nicht gerechnet haben: Die eine Seite bekommt spürbar leichter Kontakt, Dates, Aufmerksamkeit als die andere. Und genau daran entzündet sich oft nicht Eifersucht im klassischen Sinn, sondern etwas Tieferes – das Gefühl, in diesem neuen Spiel der Unterlegene zu sein. Auch hier lohnt sich die Frage nach dem Anteil: Meldet sich gerade der erwachsene Teil, der eine faire Verteilung einfordert? Oder das innere Kind, das sich an eine viel ältere Erfahrung von Zurückweisung erinnert fühlt?


Wird das unterschieden, verändert sich nicht nur, ob die Beziehung offen bleibt – sondern wie beide künftig überhaupt miteinander verhandeln und kommunizieren.


Der typische Verlauf: reif im Gespräch, ungehalten in der Realität


Das ist ein Muster, das viele Öffnungen durchlaufen. Am Anfang eine Phase erstaunlicher Reife: Regeln formuliert, Ängste sauber benannt – der erwachsene Anteil führt das Gespräch. Dann das erste echte Date, und die Bühne wechselt die Besetzung. Aus zwei reflektierten Erwachsenen werden zwei im Gefühl gefangene innere Kinder. Eine zu spät beantwortete Nachricht wächst sich zur Katastrophe aus. Der Beschützer übernimmt, Kontrollverhalten taucht auf, das vorher undenkbar war.

Nach ein paar Tagen beruhigt sich alles, der erwachsene Anteil kehrt zurück, beide reden vernünftig – bis zum nächsten Date, und die Bühne wechselt erneut. Zermürbend ist nie die einzelne Eskalation, sondern die Distanz, die sich über diese Wellenbewegung aufbaut, während die Öffnung doch eigentlich mehr Nähe schaffen sollte.


Wichtig zu wissen: Der Kipppunkt zwischen reguliert und außer Kontrolle liegt fast nie im Date selbst, sondern in einem Wort davor oder danach, das an eine alte Verletzung andockt. Diese Sätze – Ich bin nicht genug, Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden – sind meist älter als die Partnerschaft. Die Öffnung reaktiviert sie oft nur, sie erfindet sie nicht neu.


Und genau darin liegt die Chance: Wer diesen Kipppunkt einmal erkennt, gewinnt etwas, das weit über die offene Beziehung hinausreicht – zu wissen, welche alte Wunde da gerade spricht. Dass sich zwei Menschen überhaupt in diese Verletzlichkeit begeben, statt in der scheinbar sicheren Routine zu bleiben, ist selbst schon Stärke. (Nur am Rande: Eine monogame Beziehungsform verdient an dieser Stelle ihren eigenen Artikel – auch sie ist kein Selbstläufer und verdient dieselbe Sorgfalt.) Die Eskalationen sind kein Beweis für Schwäche – sie sind der Preis dafür, sich einem Gefühl zu stellen, das man ein Leben lang gemieden hat. Diese Krise kann zu eurer Superpower werden, zu einer echten Ressource. Wow. Und Bravo für euren Mut.


Eine kleine Übung: Wer spricht gerade?


Ein einfacher, sicherer Einstieg für den Moment, in dem es in euch hochkocht – allein oder gemeinsam anwendbar. Nimm dir, wenn möglich, einen ruhigen Moment. Atme ein paar Mal bewusst durch.


Frage innerlich: Wer meldet sich hier gerade – mein erwachsener Anteil oder ein verletztes, ängstliches inneres Kind?

Wenn du eine Antwort spürst – ein Bild, ein Gefühl, ein Alter, das dir in den Sinn kommt –, frage weiter: Was möchtest du mir sagen? Und: Was brauchst du gerade wirklich?


Oft ist die Antwort nicht „mehr Kontrolle über den Partner", sondern etwas viel Grundlegenderes: gesehen werden, sich sicher fühlen, nicht allein sein mit dem Gefühl.


Wichtig: Wenn sehr starke Gefühle auftauchen, ist das kein Zeichen, dass etwas falsch läuft – aber ein guter Moment, sich professionelle Begleitung zu holen, statt allein damit zu bleiben.


Wenn es gelingt: ein Paar nach fünf Ehejahren


Nicht jede Geschichte endet in Erschöpfung. Ein Paar, seit fünf Jahren verheiratet, vorher jahrelang monogam, kam kurz nach ihrer Entscheidung zur Öffnung zu mir in die Beratung. Auch bei ihnen turbulente erste Monate: Eifersucht, schlaflose Nächte, Momente, in denen beide am liebsten alles wieder zugemacht hätten.


Was sie unterschied, war, dass sie in der Turbulenz nicht aufhörten, sich einander zuzumuten – und zunehmend lernten, zu unterscheiden: Spricht hier gerade mein erwachsener Anteil, der etwas Berechtigtes einfordert? Oder mein inneres Kind, das gerade meine eigene Aufmerksamkeit braucht, nicht die meines Partners? Nach einigen Monaten bestätigten beide: Die Öffnung hat uns gezwungen, besser miteinander zu sprechen als je zuvor.


Aus dieser Notwendigkeit wurde eine Bereicherung – nicht nur durch das, was jeder einzeln draußen erlebte, sondern durch das, was zwischen ihnen selbst entstand: eine Gesprächskultur, die vorher nicht da war. Beide sagten, sie kennten sich inzwischen besser, als in den Jahren der Monogamie davor. Auch ihre Sexualität gewann neues Feuer - nicht trotz, sondern gerade wegen der Ehrlichkeit, mit der sie inzwischen miteinander sprachen. Der fürsorgliche Umgang mit den eigenen inneren Anteilen und denen des anderen hat bei beiden das eigene Selbstwertgefühl gestärkt – und somit die allerwichtigste Beziehung: die zu sich selbst.


Was eine offene Beziehung tatsächlich braucht


  • Eine stabile Basis, bevor ihr öffnet. Eine offene Beziehung repariert keine wackelige Beziehung – sie stellt sie auf die Probe, mit erhöhtem Risiko.

  • Sich dessen bewusst zu sein: Wer bereits vor der Öffnung unsicher gebunden ist – viel Nähe sucht oder eben viel Distanz braucht – für den wird die Öffnung diese Unsicherheit in der Regel erst einmal verstärken. Die Arbeit mit inneren Anteilen kann euch in diesem Fall zu einer Chance und einer starken Ressource werden.

  • Klare Grenzen und verbindliche Absprachen. Geht es nur um Sex oder auch um Gefühle? Einmalige Begegnungen oder wiederkehrende Kontakte? Und: Wie haltet ihr es mit Safer Sex und Tests? Das klingt unromantisch – ist aber Ausdruck von Fürsorge.

  • Die Fähigkeit, zwischen alter Wunde und aktueller Situation zu unterscheiden – zu wissen, wann der Erwachsene spricht und wann das Kind. Ein gemeinsames Vokabular für eure Anteile, bevor sie auftauchen, hilft dabei.

  • Feste, geschützte Zeit füreinander, die nicht verhandelbar ist – ein Zwiegespräch, ein fester Termin, an dem ihr festhaltet wie an einem Anker.

  • Regelmäßige Innenschau statt einmaliger Regeln. Was im ersten Monat passte, passt im sechsten oft nicht mehr.

  • Die Bereitschaft, jederzeit gemeinsam wieder zu schließen. Eine Öffnung, die nicht auch rückgängig gemacht werden darf, ist keine freie Entscheidung, sondern eine Einbahnstraße.

  • Und die eine Bedingung, ohne die es aus meiner Erfahrung nicht geht: Ihr belügt euch nicht, auch nicht aus Rücksicht – und ihr bleibt im Kontakt miteinander, auch dann, wenn es unbequem wird.


Für wen dieser Weg besonders hilfreich ist


Diese Art zu arbeiten hilft besonders Paaren, die:

  • Merken, dass sie sich in der Öffnung plötzlich wie ferngesteuert verhalten, obwohl sie das nie wollten.

  • Immer wieder dieselben Eskalationen erleben und nicht verstehen, warum.

  • Den Wunsch haben, ihre alten Muster, Scham oder intensive Gefühle besser zu verstehen.

  • Sich wünschen, offen zu bleiben – oder auch wieder zu schließen – aus Klarheit heraus, nicht aus Erschöpfung.


Zum Weiterdenken


Sagst du Ja aus Liebe – oder aus Angst, ihn zu verlieren? Was suchst du draußen, das du innerhalb der Beziehung schon lange nicht mehr eingefordert hast? Und kannst du der Person, die du liebst, sagen, was dir wehtut, ohne Angst, dass sie dich dafür verlässt?


Wenn ja: Es ist noch Boden unter euch. Wenn nein: Die eigentliche Baustelle ist nicht mehr die Öffnung – es ist das Vertrauen selbst. Und egal, wie diese Fragen für euch ausgehen: Dass ihr euch traut, sie zu stellen, ist schon der schwierigere Teil.


Abschluss & Einladung


Eine offene Beziehung zu leben bedeutet nicht nur, neue Regeln zu verhandeln. Es bedeutet, sich selbst und einander auf eine Weise zu begegnen, die im gewohnten Alltag oft keinen Raum bekommt – mit allen inneren Anteilen, die dabei auftauchen. Wenn ihr diesen Weg nicht allein gehen möchtet: Genau dafür begleite ich Paare in meiner Praxis in Berlin-Wilmersdorf.


Ihr zwei mutigen Wesen! Ich freue mich auf euch.

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